Dienstag, 17. Juni 2025

Längs der Küste, über die Linien bis zur Wüste

Nazca und die Nazca-Linien

Ica und Huacachina

Paracas

Nach der Rückkehr aus dem Süden und kurzem Aufenthalt in Lima stiegen wir zu unatheistisch früher Morgenstund in Julios, der Liebsten Vetters gutes deutsches Automobil und fuhren mit ihm und seiner netten aber leicht bematschten Dulcinea (die auch unsere Zimmerwirtin war) bei deshalb immer einem spaltweit geöffneten Fenster die Panamericana gen Süden.

Wie schon bei den zahlreichen Taxifahrten erlebt, bewahrheitete sich auch  hier, daß Autofahren in Peru ein ganz besonderes abenteuerliches Vergnügen ist. Auf unguter Piste und mit Latinomusik im Salon fährt man Bögen um Schlaglöcher, bremst vor mitten auf der Bahn befindlichen brutalen Bremsschwellen hart ab, um in Zeitlupe drüberzurollen (und schmerzverzerrt das Gesicht zu verziehen, wenn die tiefergelegte Karre dennoch ein „Krrrrrrz“ von sich gibt), überholt, wenn irgendmöglich den nächsten der unzähligen Laster vor einem, die Geschwindigkeitsvorgaben dabei nonchallant als eher unverbindlich ansehend („no hay controles de radar, acá“), weicht Straßenhunden, die sich für eine Spontansiesta mitten auf die Fahrbahn legen, aus, hupt vor Kurven, bei sonstigem Bedarf, vorsichtshalber oder aus Gusto, erwirbt, in Schrittgeschwindigkeit auf die Mautstation zurollend, durchs offene Fenster Kekse von der fliegenden Händlerin und hält gelegentlich zum Tanken und Pinkeln bei einer der staubigen „grifos“ an.

Und so fuhren wir viele, ingesamt acht Stunden, zunächst durch die potten- ja empörend häßlichen und bekannt-elenden Ausläufer Limas und dann durch zusehends interessanter bis hin zu spektakulär werdender Steppen- und Wüstenlandschaft, bis wir von der Straße auf eine Schotterpiste abbogen, die zu einem kleinen lokalen Flugplatz führte, von wo aus man mit kleinen nicht zu 100% vertrauenerweckend aussehenden Propellermaschinen für 100$ die berühmten Nazca-Linien überfliegen konnte. Der Flugplatz und die LuftaufsichtsWellblechbarracke darauf war Perú at its best: angeschangelte Ranzigkeit, gemischt mit Chaos, Geschäftstüchtigkeit, Opportunismus und Improvisation: ca. 5 oder 6 verschiedene Anbieter balgen sich dort, sich und ihre Preise gegenseitig niederschreiend, um die in der Wartehalle gelagerten Touristen, deren Kohle und die Gelegenheit, erstere in ein Flugzeugchen und letztere ins Portefeuille zu verfrachten und über insgesamt 32 von dort erreichbare Nazca-Linien zu fliegen. So auch uns (= Liebste und ich, da Julio das schon kannte und die Dulcinea ganz urplötzlich Schißbuchse hatte). Wir wurden von einer „Jalladora“ geschnappt, gewogen!, für flugwürdig befunden, belehrt, abkassiert und nach mit Empanadas, Fanta „cola ingles“ und Huancaina überbrückter Wartezeit (es gab einen kurzen Sandsturm, der sicheres Fliegen verunmöglichte), „checkten wir ein“, so mit Paß vorzeigen, Sicherheitskontrolle etc., saßen kurz darauf in einer kleinen zweimotorigen Cesna:

 

und wurden von routinierten (Co-)piloten


samt nur bruchstückhaft verständlichem Audiokommentar per Kopfhörer über die berühmten Hinterlassenschaften der Nazsa im Wüstenboden gejökelt:

"Astronaut"

Affe

Kolibri  
Spinne

Condor

 Ein absolut faszinierendes, sensationelles Erlebnis. Die riesigen Figuren, „Geoglyphen“, die dort vor mehr als 2000 Jahren in den Boden geschrieben wurden, kann man nur aus der Luft richtig erkennen; die, die sie in grauer Vorzeit machten, haben sie nie so gesehen, wie wir. Unglaublich, atemberaubend, phantastisch! Unvergesslich!

Geflasht, erschüttert und begeistert fuhren wir weiter bis Nazca, wo wir uns ein Hotel suchten, abstiegen, kurz den sehr überschaubaren und nicht elogenwürdigen Ort erkundeten und schließlich in einer Chifa lecker Chifa schmausten.

Am nächsten Morgen fuhren wir zurück nach Norden Richtung Ica, wo wir anhielten, weil Julio uns unbedingt die lokaltypische Nascherei „Chocotejas“ kosten lassen wollte. Die weißen, so sprach er, mit Zitronen drin, seien besonders köstlich. Was nicht stimmte. Andere aber waren durchaus schmackhaft und so erwarben wir auch gleich ein Kästchen zum Mitnehmen. Ica selbst war, wie schon Nazca, nichts besonderes (es gab also nichts, was ich nicht in bisher allen peruanischen Städten vorgefunden hatte) und wir fuhren gleich weiter und zwar: in die Wüste von Ica in einen Ort namens Huacachina.

Und da überraschte und überwältigte dieses krasse Perú mich abermals, denn auf einmal standen wir mitten in einer Oase in der Wüste, 


 umgeben von Sanddünen, einige 100e m hoch und einem Sandmeer bis zum Horizont:


Ich kam aus dem begeisterten, ungläubigen Staunen nicht mehr heraus. Ne echte, ernsthafte, richtige Wüste! So viele Landschaftstypen in nur einem Land! Phänomenal. Und in dem Ort herrschte noch dazu so eine gechillte, hippiemäßige, urlaubsartige Feier- und Ferienstimmung. Es gefiel mir außerordentlich gut dort:

diese gut, diese ja

Wir suchten uns ein Hotel, das in einem alten Konventsgebäude oder so, lag und so viel Charme es außen ausstrahle, so stark waren die Kerker- und Zellenvibes in den düsteren, gewölbeartigen 4m-Decken-Zimmern, wozu auch das Unabhängigkeitskriegszeitbad und die marmor-und-supermansbizepsharte Bettstatt beitrug. Nun, ich hatte inzwischen gelernt, mich in Peru mit qualitätsarmer Bettruhe abzufinden und war ja auch sowieso nicht zum Schlafen da; zum Essen kehrten wir zum ersten Mal in ein nicht peruanisches Restaurant, eine Art Italiener, ein, wo ich lecker Pizzeken bekam.

Nach einer kleinen Siesta machten wir uns auf den Weg zu einem spektakulären Wüstenabenteuer, das wir zuvor beim Jallador „Mario“ gebucht hatten: Mario hatte uns einen Wüstenbuggy nur für uns und mir eine Partie Sandskiing und zum Abschluß noch den Genuß des Sonnenuntergangs ganz oben auf den Dünenkämmen versprochen und das kleine, keineswegs wortkarge und quirlige Männlein hatte Wort gehalten: bevor es losging, mußte ich noch zum Skiverleiher (was auch sonst in der Wüste?), der, konfrontiert mit der Information, daß ich Skischuhe der Größe 46 zu leihen begehrte, große Augen und dann einen Ausflug in den Keller machte, wo er die Elefantengrößen (aus peruanischer Sicht) bzw. Nicht-Legomännchengrößen (aus deutscher Sicht) lagerte. Ich erhielt schließlich Skischue, Skier, Skistöcke und eine alte Kerze, mit der, so schärfte der Höker mir ein, ich meine Ski trefflich zu wachsen hätte, wolle ich nicht ein ungedeihliches Gesichtspeeling mit Fresse in Sand erhalten.

Und dann fand ich mich in der absurden Situation, nebst nur der Liebsten (Julio kannte das schon und passte und die Dulcinea hatte wieder urplötzlich Schißbuchse) mit geschulterten Skiern bei knapp 30°C skistiefelhalber ungelenk hinter Mario her durch den Wüstensand zu staksen. Schwitzend und endlich erreichten wir unseren Buggy


in dem unser tollkühner Fahrer mit uns, die Dunes ordentlich bashend, durch die Wüste, die Hänge hinauf und herab raste. Es machte einen Heidenspaß und wir feierten das Erlebnis begeistert.


  Oben auf einer Düne hielt er an und während wir noch ein paar Photos machten, wachste er schon einmal meine Skier – unzureichend, wie sich später herausstellte -, damit keine Zeit verloren ging, der Sonnenuntergang war nicht mehr fern. Ich schnallte an und stürzte mich den Sandhang hinunter: es war, als wäre ich nie weg gewesen von der Piste. 

 

Allerdings hatte sich auf 4/5 der Strecke das Wachs verbraucht, nicht jedoch meine kinetische Energie: die Skier blieben abrupt stehen, die Bindungen öffneten sich gnädig und yours truly machte geschmeidig den Adler :D – wenn man nicht alles selber macht, dachte ich –; die Liebste hingegen stürzte sich, auf einem Sandboard liegend, ebenfalls den Hang herab. Todesmutig würde ich nicht sagen, da ihre Fahrt erst begann, als unser Buggyfahrer, ihres „no quiero“-Gezeters müde, sie entschlossen in den Hand schubste: ihre Freude am Abenteuer jedoch, war sehr echt 😊

Wir verbrachten noch etwas Qualitätszeit mit Buggyfahren, Sandskiing und -boarding und wurden endlich zu einem sweet spot für die Inaugenscheinnahme des Sonnenuntergangs in der Wüste gebracht:


 Ein absolut phantastischer, adrenalin- und actionreicher und ein wenig auch romantischer Trip, der unglaublichen Spaß gemacht hat !!!

 Nach einem Abendmahl beim selben Italiener, hart-unkommoder Nachtruhe und einem, wie gewohnt, mediokren Frühstück stiegen wir in den trauten Benz und fuhren nach Paracas, wo wir rechtzeitig eintrafen, um an Bord eines Bootes zu den faszinierenden Felsformationen bei Paracas rauszufahren. 

 

Auf einem Felshang ist dort der berühmte „Kandelaber“ zu sehen, eine weitere mehr als 2000 Jahre alte Geoglyphe, die man nur vom Wasser aus sehen kann.

Es gab aber auch reichlich Fauna, lustige Vogelfreunde


und einen Seelöwenpascha mit Harem zu bestaunen.

Staunen taten aber nur wir, Julio, die Liebste und ich, denn die Dulcinea hatte sich unerwarteterweise zwar an Bord getraut, ihr wurde aber sofort übel, so daß sie die gesamte, zugegeben bisweilen wellenhalber holprige bzw. hopsige Fahrt mit zugepressten Augen, die Knie umklammernd in Fötusstellung verbrachte. Keinen Tag würde ich so leben wollen!

Zurück an Land begannen wir die lange Rückfahrt. Zuerst aber wollte uns Julio noch mit uns in einem von ihm geschätzten Restaurant, das in einem alten Hacienda-Gebäude, sagen wir, etwas abseits des Weges, man könnte auch sagen: JWD!, lag. Dort hinzukommen gestaltete sich rechtschaffen abenteuerlich, wozu auch beitrug, daß die in Perú lieber noch als google maps genutzte Navigationsapp „Waze“ einen überaus originellen Weg vorschlug: wir verließen die asphaltierte Straße und bogen in einen weniger befestigten Weg ein, der nach und nach erst zur dirt road völler Schlaglöcher


  und schließlich zu einem kaum von etwas anderes als einem Trecker fahrbaren exakt Kfz-breiten Feldweg, den wir ziemlich lange mit ca. 5 km/h entlangkrochen, vorbei an Feldern, Landschaft, sehr viel Nichts und ganz vereinzelt armseligen Häuschen und Hütten, wo in den einschlägigen Horrorfilmen die inzestgebeutelten Hillbillie-Killer hausen und verirrte Touristen schlachten, ausweiden und zu Sülze kochen würden. Hier saßen nur sehr alte, sehr indigene Cholos davor und staunten mit aufgerissenen Augen und zahnlosen Mündern über die mit Pitucos und Gringos vollgestopfte deutsche Nobelkarrosse, die in Zeitlupe und von den Unebenheiten und Schlaglöchern im Weg lustig auf- und abwippend an ihrer Behausung vorbeiömmelte. Dann geschah es: mitten im Nichts kam uns ein riesiger Laster entgegen:

Keine Chance, aneinander vorbeizufahren, 2-3 km im Rückwärtsgang zurückzufahren wurde ebenfalls ausgeschlossen, auch der Laster konnte nicht zurück. Ich lehnte mich zurück, längst den peruanischen Stoizismus angenommen habend und war einfach nur aufrichtig gespannt, was jetzt wohl passieren würde, da Julio, der den Eindruck erweckte, immer noch den Ruhepuls eines Pandas im Winterschlaf zu haben, ausstieg und auf den es ihm gleich getan habenden Lasterfahrer zuging. Würden sie einander beschimpfen, des anderen Mutter beleidigen, drohen, ankündigen, ihren Onkel/Vater/Vetter zu rufen, schubsen, Schellen austeilen? Leider geschah nichts dergleichen, sondern sie arbeiteten an einer Lösung, die beinhaltete, daß Julios Benz in eine Bresche, die man in die Vegetation am Wegesrand schlug, kundig hineingewunken wurde, dabei einen Winkel von ca. 40°C einnehmend und der Laster im Schrittempo und wirklich nur Millimeter von des Benzens Lack entfernt, an ihm vorbeiglitt. Danach bugsierte Julio sein Kfz wieder auf den Weg und wir fuhren weiter. Abenteuerlich. Aber gelöst auf die peruanische Art 😊

Das Essen auf der beeindruckenden Hacienda, bei der wir irgendwann ankamen, war phantastisch und wir fühlten uns dort sehr kolonialherrenmäßig.

Danach aber ging es zurück nach Lima, abermals stundenlang über die Panamericana bis wir, längst im Dunkeln, die häßliche Hauptstadt erreichten und ein anstrengender aber extrem eindrucksvoller, toller und unterhaltsamer Trip sein Ende fand und ich bin dem guten Julio sehr dankbar, daß er uns, seiner Cousine und ihrem Gringo, diese phantastischen Seiten seines Landes gezeigt und dabei einen so netten und verlässlichen Chauffeur für uns gespielt hat.

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