Samstag, 22. August 2026

Kanada - ein Roadtrip mit Städten, Wäldern und Seen

07.08.2026 - 23.08.2026 

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Zwei Jahre sind seit unser spanischen Eskapade vergangen, die wir als nennenswertes Vorspiel zu meinem von der allzweijährliches ISFG-Kongreßteilnahme geforderten Aufenthalt - damals in Santiago de Compostela - erlebt hatten. Auch dieses Jahr, in dem der Kongreß in Montreal stattfinden sollte, bot es sich an und wurde auch schon länger von meiner to-go-to-Liste gefordert, Kanda auch touristisch heimzusuchen.

Es wurde auch schnell klar, daß die Liebste aus verschiedenen Gründen mich leider nicht würde begleiten können, so daß ich mir einige Monate vor Reisebeginn einen Solo-Roadtrip, ähnlich wie weiland in den Staaten, zurechtzulegen begann. Beginnen sollte er in Toronto, Kanadas größter Stadt und seit mehr als 20 Jahren Wahlwohnsitz einer inzwischen auch eingebürgerten Base, ein Wiedersehen mit welcher nach sehr langer Zeit auch auf dem Plan stand.

Nach von vielen guten Wünschen begleitetem Abschied


reiste ich, und das ist hier zu betonen, da die DB Teil dieses Prozesses war: unbegreiflicherweise ziemlich reibungs- und fuck-up-los erst zum Frankfurter Flughafen und von dort mit einer Condormaschine pünktlich nach Toronto. Der Flug dauerte achteinhalb Stunden und zog und dehnte sich dann doch etwas, zumal die innere Uhr mitten am Tag nicht einmal den halbkomatösen Elendsdämmer, der einem auf 12-Stunden-Flügen über Nacht schon einmal wenigstens ein paar Stunden Bewußtseins erspart, erlaubte. Müde und etwas schwergängig schlurfte ich dann aber doch irgendwann durch den Torontotischen Pearson Airport und wurde so schnell wie noch selten im außereuropäischen Ausland erlebt ins Land gelassen: an einer kleinen Maschine legte ich meinen Paß auf, wurde geknipst und erhielt ein Billett. Mit diesem in der Hand lief ich an einer Stelle, an der Passiere mit und ohne Billett geschieden wurden, in den „mit“-Gang und trat ohne jede Wartezeit einer Grenzerin gegenüber, die mich kurz musterte, fragte, warum ich hier sei („erst privat, dann Tagung“, ließ ich sie wissen), nickend einen Strich auf mein Billett fabrizierte und mich sogleich weiterwinkte. Ein weiterer Grenzer, dem ich mein markiertes Zettelchen zeigte, tat dergleichen und schon stand ich (und wartete länglich) am Gepäckband, von dem ich irgendwann meinen Koffer, den man um sein Schloß (aber soweit erkennbar keine Inhalte) erleichtert hatte, in Empfang nahm und hernach, nach Abgabe meines Billetts an einen letzten Grenzer, den Sicherheitsbereich verlassen konnte. Ich fand schnell die Einschienbahn, die die Terminals verbindet und mit der man auch die Bahnstation erreicht, wo ich einen schon wartenden Expresszug (, für den ich schon online ein Ticket erstanden hatte,) bestieg und in selbigem ca. 30 Minuten später, ca. 19 Uhr Ortszeit an der „Union Station“ ankam und im Financial District erst einmal heftige NY-Remineszenzen wahrnahm: 



 12 Fußminuten später betrat ich mein Hotel in der King’s Street, checkte ein und fand meine ordentliche aber sehr düstere Bude im 9. Stock. Nach Pizza-Dinner auf Stube, obligatorischen „bin-gut-angekommen“-Nachrichten und krampfhaftem Wachbleiben bis halb 11 schlief ich dem ersten Toronoto-Tag entgegen.

Toronto

Es gab kein Hotel-Frühstück, also organisierte ich mir ein gar köstliches Pancake-Arrangement im hotelassoziierten aber selbständigen Frühstückscafé nebenan und begann alsbald einen am Ende > 25 Tsd. Schritte umfassenden Gewaltmarsch durch die Stadt, entlang einer Route, die mich, so hoffte ich, an möglichst vielen verschiedenen ihrer Gesichter vorbeiführen würde. Ich startete in der King Str. Ecke Yonge, die ich entlang ging, bis ich in die Queen einbog, die bis auf einen schmalen Trippelpfad für Pedestrianer vollständig von einer kolossalen Baustelle ausgefüllt war, wo sie gerade den Tunnel für eine neue Metro-Linie ausheben. Die Hochhäuser von Downtown/Financial District hinter mir lassend änderten sich die Gegend und die Gesichter rasch, weniger Anzüge, mehr Schlabberbuchsen und Kräuterzigaretten (die hier legal sind). Ich lief bis zur Graffiti Alley, die ich in die Gegenrichtung zurückging




und von dieser in die Richmond St. wechselte. Unterwegs sah ich mir noch Osgood Hall und den Nathaniel Phillips Platz an

um mich anschließend im klimatisierten Brookfield Place im Financial District etwas abzukühlen. Die mir zigfach angepriesene „Hockey Hall of Fame“, in der offenbar einer von zahnlosen, behelmten eisschlitternden Raufbolden und Grobianen in wattierten Chemisetten, die mit ihren Schlägern ebensooft einen Plastepuck wie die Gebisse ihrer Gegner traktieren, betriebenen und hierzulande beliebten Sportart gehuldigt wird, boykottierte ich selbstverständlich, wie ich wiederum vom Gooderham Building boykottiert wurde, welches derart vollständig eingerüstet war, daß nicht einmal seine angeblich flat-iron-artige Form erkennbar war. Zu Middach tat ich, wie der Torontist tut und aß ein Peameal Bacon Sandwich im St. Lawrence Market. Hernach schlenderte ich die Esplanade entlang bis zum touristischen Distillery District, den ich ein Weilchen durchstromerte,


keinen Rat in den unzähligen Rat-Häusern erwarb und wo ich im Kühlen ein koffeinhaltiges Heißgetränk nahm. Bald aber mußte ich aufbrechen, denn ich wollte die Fähre zur Ward’s Island um halb 4 erwischen: dafür mußte ich nach Süden zur Waterfront, wo ich lange am Ufer des meerartig großen Lake Ontario entlanglief und am Sugar Beach sogar ein kleines Päuschen mit Füßen im Sand einlegte:


Die Fähre verpasste ich daraufhin und nahm stattdessen die brechend volle nach Centre Island, einer menschenschwarzen Touristenhölle, auf der sich neben einem Strandabschnitt auch eine Art Vergnügungspark befindet. Ich durchquerte sie rasch und beschritt dann den kilometerlangen Holzbohlenweg zur ruhigeren Ward’s Island, von der aus man die torontöse Skyline sehr schön sehen kann:


Am frühen Abend ging es von dort mit der Fähre zurück in die City, wo ich zum Nachtmahl nur noch hurtig bei Tim Horton’s einkehrte, der großen kanadischen Fastfoodkette – man muß es ja mal probiert haben.

Am nächsten Tag stückte ich in einem Café früh, wo mir ein granatenschwuler Barista einen granatenmediokren Flat White zu meinem Mandelcroissant kredenzte, dafür aber wenigstens sehr lange brauchte. Ich mußte ein paar Besorgungen machen (SIM-Card kaufen, weil meine eigens vorher in Deutschland gekaufte natürlich nicht ging; Adapter kaufen, da ich meinen vergessen aber diversen Aufladebedarf hatte) und wollte mir außerdem den Spieleladen „401“ ansehen, der eine sehr gute und interessante Auswahl an Brettspielen führt. Auf dem Rückweg besah ich mir noch die Toronto City Hall, den Campus der Torontoleser Uni und wohnte unverhofft einer Chorprobe in der St. James Cathedral bei. Um 14 Uhr dann war es Zeit, besagte Base, die 2009 hierhin rübergemacht hatte, nach sicher 20 Jahren wiederzusehen und was soll ich sagen: es fühlte sich sehr vertraut und „wie früher“, nur eben bereichert durch Erwachsenenthemen und Lebenserfahrung an und wir plauderten angeregt, entlang von Spaziergängen in Kensington Market und China Town und mit Kaffee und Abendessen insgesamt 8 Stunden lang durch. Mit dem gegenseitigen Versprechen, ab jetzt in Kontakt zu bleiben, entließ mich die Base am Fuße meines Hotels wo ich, im Zimmer angekommen, sofort in den Schlaf fiel.

Für den letzten Torontotag hatte ich keine Pläne und überlegte beim Frühstück im Bei-Café- Eier, Stulle und Hashbrowns -, daß ich ja mal U-Bahn fahren und die Casa Loma besuchen könnte. Vorher raffte ich alles zusammen, checkte aus und stellte meinen Koffer im Hotel unter; dann stieg ich in Metro Linie 1 und fuhr in einer herrlich klimatisierten Bahn unter dem schwül-heißen Toronto bis zur Casa Loma:


Zeit und Geld für eine Besichtigung investieren wollte ich aber nicht, sondern mir stattdessen das Royal Ontario Museum von außen ansehen. Von dort aus marschierte ich an eindrucksvollen alten Gebäuden der Universität


vorbei Richtung Art Gallery

Da stieg ich in eine Tram und jökelte zurück zur Yonge St, wo ich bei Shake Shack (kannte ich noch nicht, war ok) Middach machte und danach noch ein paar Dinge im weitläufigen Eaton Center erwarb. Und dann war es auch allmählich Zeit, den Koffer auszulösen und mit der Metro bis zur Union zu fahren und den Zug zum Flughafen zu nehmen. Neben mir kam ein sehr netter Kanadier und, wie sich herausstellte, Professor für Geschichte und Philosophie (Ästhetik) zu sitzen, mit dem ich angeregt plauderte (er hatte 8 Jahre in Norwegen gewohnt und gearbeitet, kannte Black Metal und war Iron Maiden Fan). Am Flughafen angekommen fand ich rasch den Karrenhöker, um dort ein Gefährt zu leihen, was sich etwas nervig ausnahm, am Ende aber doch klappte und mir einen braven Hyundai Kona bescherte.

In selbigem trat ich die Fahrt nach Algonquin an und verließ Toronto. Und wie war sie nun, diese Stadt? Tja. Groß ist sie, aber nicht gigantisch und molochartig, wie New York, Lima oder Seoul. Sicher, wenn man durch die auch hier gegenwärtigen Hochhausschluchten läuft, die lächerlich gigantischen Autos an sich vorbeifahren sieht, die typischen Schilder, Geschäfte und Fressläden gewärtigt, dann kann man gewisse NY- zumindest aber doch nordamerikanisch Ostküsten-Vibes zwar nicht leugnen. Toronto ist aber keine Epigone und hat das auch nicht nötig; im Gegenteil, sauberer ist es hier, mit nicht keinen aber deutlich weniger Obdachlosen, die meisten derer auch nicht so vollkommen verwüstet und zerstört sind (#Fentanylzombies), wie ich es in NY sah. Freundlicher ist es auch, die Leute sowieso und weniger harsch und abweisend, alles ist zweisprachig beschriftet, der ÖPNV, der aus Metro, Tram UND Bussen besteht, funktioniert super, ist günstig und schnell. Die Stadt ist auch sehr vielfältig, so mein Eindruck, und meine Schätzung, daß die ganzen sehr vielen Leute unterschiedlichster Aussehenstypen, Farben, Formen, die ich überall sah, nicht alle Touristen gewesen sein können. Man müßte mal recherchieren, wie viele der ca. 40 Mio. Kanadier überhaupt (noch) europäischstämmig sind. Und: überall gibt es Radwege und solche, die sie benutzen, z.B. mit den ebenfalls ubiquitären Leihrädern (nachdem Toronto kürzlich die E-Roller verbannt hat). Auch die Preise sind meist relativ human, günstiger als in NY und z.T. auch als in Deutschland: einen ordentlichen Flat White im Café für 3 € gibt es bei uns jedenfalls nicht.

Algonquin Provincial Park

Doch zurück zur Fahrt:  erst einmal aus dem stockenden und unsmoothen Verkehr Torontos entkommen war diese ziemlich entspannt – wie so vieles in diesem Land – und gemächlich (mehr als 110 km/h ist hier nicht drin). Die Gegend wurde rasch immer einsamer und waldiger, die Straße immer leerer

 

und ich immer vorfreudiger auf mich erwartende Landschaftsspektakel. Mein „Hotel“ erwies sich als eine Barackensammlung; beim Einchecken erwiderte mir die im weitesten Sinne asiatische Dame auf meine Frage, ob es denn Frühstück gebe, daß nein und daß auch sowieso das Restaurant diese Saison kaputt und zu sei. Ich wolle aber gerne frühstücken, bekundete ich, worauf sie gelangweilt riet, ich könne ja die 10 km zu „Henrietta’s Bakery“ fahren, da gebe es Backwerk. Toll. Die Bude macht um 9 auf, da wollte ich schon ne Stunde am Wandern sein. Der nächste Supermarkt sei 80 km entfernt, einen Tante Emma Laden gebe es, 15 min mit dem Auto von hier. Tja, man war wirklich in der Wildnis. Zum Abendessen folgte ich einem weiteren Tip der Hoteldame: „Algonquin Pizza and Panini“: ca. 5 Autominuten vom „Hotel“ stand eine kleine Bude an der Straße, in der, umgeben von etwas arbiträr zusammengestellt erscheinenden weiteren Verkaufsgütern ein dicker des Englischen unkundige Inder mit englischsprechendem Teenagersohn statt indischen Dingen Pizza und Panini in einem Ofen machten, wenn man wollte. Ich wollte – allerdings zum Mitnehmen – und kaufte auch noch etwas Trinkbares. Mit einer heißen Pizza „Cheese & Peperoni“ und einer Flaschen blauen Gatorades betrat ich meine recht spartanische Bude und vertilgte zwei Drittel davon mit den Händen auf einem windschiefen Plastikhocker und fühlte mich weniger zivilisiert als schon mal.

Aber ich war ja auch nicht zum Wohnen sondern zum Wandern da! Und deshalb spülte ich am nächsten Morgen die restliche Pizza, die ich in der etwas ältlichen Mikrowelle in meiner Bude warm machte, mit unterirdisch schlechtem „Kaffee“ aus einer Maschine herunter, in die ich ein uraltes Pad eingelegt hatte, das vermutlich das kanadische Pendant von Muckefuck, also Sägespäne, Biberhorn und getrocknetes Ahornlaub aus Zeiten vor der Erfindung des Kaffees enthielt, und saß alsbald im Auto, um die ca. 40 Minuten bis zum Startpunkt meiner „Centennial Ridges“-Tour zurückzulegen. Es war eine ordentliche Tour, laut Schild nicht in unter 6 h zu bewältigen. Ich schaffte es in unter 4h, mußte mich aber wirklich sehr, ja ungewöhnlich arg plagen, ich schwitze ungebärdig und das, obwohl der Weg fast vollständig durch schattige Wälder führte, und mein schrottiges rechtes Fußgelenk und das angeschrottete linke Knie hatten mit dem durchgängig unebenen, holprigen Untergrund durchweg zu kämpfen; es war eine elende Plackerei am Ende derer das Laufen schon regelrecht unangenehm war, ABER ich wurde auch mit phantastischen Ausblicken belohnt:


Dennoch war ich nach der Tour so angeschlagen, daß ich es für diesen Tag damit bewenden lassen musste; ich kaufte auf dem Rückweg in einem überteuerten „Market“ an der Straße noch ein paar Sachen ein, darunter Brot, Erdnussbutter und Jelly für’s Frühstück, und fuhr sogar noch bei Henriette’s Bakery vorbei, die sich übrigens als äußerst ambitionierte artisan bakery im kanadischen Nirgendwo erwies und wo ich mir einen Eclair (ich hätte auch frische Madelaines haben können) und einen anständigen Kaffee genehmigte, bevor ich zu meiner Baracke zurückkehrte und das Gewesene einen Tag hieß. Am nächsten Tag nahm ich ein Improfrühstück ein

packte zusammen, checkte aus (was darin bestand, meinen Schlüssel in einen Eimer zu schmeißen, da Rezeption nicht besetzt) und fuhr los, Richtung der ersten von drei kurzen Wanderungen. Zuerst ging ich den Lookout Trail, danach bewältigte ich den Boardwalk, einen Weg über Holzstege durch den Spruce Bog, eine Art Sumpf, und zuletzt wanderte ich zum und besichtigte den Beaver Pond, einen kleinen See, der durch einen Biberstaudamm entstanden ist.


Diese jeweils kürzeren Touren, je unter einer Stunde, waren gut machbar und recht hübsch. Und sie sollten mein Abschied vom Algonquin Provinvial Park sein. Schön ist er und sehr gut gepflegt und kuratiert. Nicht vergleichbar mit einem Yosemite oder einem Grand Canyon, aber welcher Park kann das schon von sich behaupten. Auf dem Parkplatz der letzten Runde wechselte ich mein geschwitztes Shirt, wurde auf mein frisches Meshuggah-Shirt auch gleich von einem kanadischen Dad mit Pickup Truck angesprochen, dessen Sohn auch die Band hört und dem ich erklärte, daß das Genre nicht „Thrash Metal“ wie er dachte, sondern „Djent“ heißt und trat anschließend die Fahrt nach Osten an. Unterwegs machte ich kurz halt, Middach bei Tim Hortons und ein paar Einkäufe in einem richtigen Supermarkt – ich habe immer noch keine „Maple Butter“ gefunden – und erreichte eine Stunde später Calabogie.

 

Calabogie

Dort kehrte ich endlich wieder in ein richtiges Hotel ein, mit schickem Zimmer und einem riesigen Katafalk von Bett. Auch hier gab es in der Umgebung nix, aber im Hotel gab es wenigstens einen Fitnessraum, eine Faß-Sauna draußen und ein kleines Hallenbad, denen ich in exakt dieser Reihenfolge innewohnte. Abends gab es einen feinen Burger im Hotel-Restau und danach war finito.

Für den nächsten Tag, dessen Frühstück aus mitgebrachten Ingredienzen und Hotelzimmerkaffeemaschinenkaffe bestand, hatte ich die „Runde von McNeeleys Bay“ geplant, die innert 3h am Red Arrow Rock, dem Manitou Mountain und einem Aussichtspunkt auf den Calabogie Lake vorbeiführen sollte. Ich brauchte länger, weil ich langsam ging und eine längere Pause am schönsten Aussichtspunkt einlegte. 

Wun. Der. Schön!

 Es war eine phantastische Tour, sicher meine schönste Waldwanderung überhaupt; stundenlang lief ich ganz alleine durch das Spiel von Licht und Schatten, der Wald war mystisch, verwunschen, geheimnisvoll aber auch erhaben, der Weg wand sich wie eine Schlange, stieg bald steil an, fiel bald tief ab, war abwechslungsreich und fordernd, mal mußte man über einen niedergestürzten Baumriesen klettern, mal einen gigantischen moosbewachsenen Findling überwinden, mal verlor sich der Weg scheinbar im Dickicht und mußte man ihn erst wiederfinden, dann führte ein ramponierter hölzerner Steg über ein Bächlein und so fort.


Wenn hier keine LOTR-Gefühle aufkommen,

dann, weiß ich auch nicht :)

Ich fühlte mich zugleich erbaut, herausgefordert und blendend unterhalten, wie, als steckte ich selbst in einem Abenteuer und an meiner Seite liefe Legolas und wir wären auf den Spuren einer Gruppe Orks. Es gab hier nicht so viele grandiose Ausblicke, der Wald selbst war die Sensation, aber zwei epische Szenerien gab es doch:

Lake Calabogie

Der einzige Wermutstropfen, auch bei dieser Tour, waren abermals meine morschen Gräten und Scharniere. Nach ca. 3 Stunden machten sie sich auf dem wieder sehr unebenen und schwierigen Untergrund schmerzlich bemerkbar und forderten unmißverständlich das sofortige Einstellen des törichten Gekraxels. Das geht so nicht weiter – ich nahm mir vor, zurück daheim mich der Sache anzunehmen. Jetzt aber mußten ich und das Skelett durchhalten und das taten wir auch, entschlossen uns aber, zurück beim Auto, maximal noch die Distanz bis zur Sauna und zum Abendessen zu zurückzulegen.

Am Ende wurde es doch etwas mehr, denn nach Käffchen in der Sonne und Saunatonne ging ich doch noch zum nahen hoteleigenen Seestrand, wo auch ein Verleih für Wassersportrat war, und sah mich dort ein wenig um




bis es Zeit für’s Abendmahl, wieder im Hotel, wurde. Auch das zweite Frühstück in Calabogie bestritt ich mit selbst Mitgebrachtem, checkte dann alsbald aus und fuhr zu einem Parkplatz, von dem aus ich zum Eagle’s Nest hochsteigen konnte. Das tat ich mit großem Vergnügen und wurde schon nach 1,5 h mit einem famosen Ausblick belohnt:

Eagle's Nest

Leider gab es niemanden, der ein Bild von mir 

 

auf einer malerischen Felsnase (oben rechts im Bild) hätte machen können. 


 

So verweilte ich sinnierend und in die Ferne über den Wäldern blickend eine Zeit lang und machte mich dann auf den Rückweg. Bevor ich nach Ottawa fahren würde, wollte ich noch bei einer Art Hofladen vorbei, der angeblich auf Ahornprodukte spezialisiert sei und ohnehin an meinem Weg lag. Ich fand tatsächlich ein einsames Schild an der Landstraße und bog in einen schmalen Schotterweg ein, der von der Staße weg zu einer kleinen Ansammlung von Gebäuden, ein Wohnhaus, eine Art Werkstatt und eine Art Scheune? führte. Hier wohnte offenbar jemand, eine Familie oder so… nur war niemand zu sehen. Es wirkte verlassen und die Äxte, Sägen, Säcke, Seile und der riesige, rostige Pick-Up, die dort herumlagen und -standen, wirkten ähnlich vertrauenerweckend, wie der zahnlose, halbverrückte Alte, der immer die Teenager in den Slasher-in-the-Wood-Filmen an einer heruntergekommenen Tankstelle in die falsche Richtung schickt. An der Scheune hing ein Schild: „Barn“ und es war eine Art Klingelknopf mit verblichener Beschriftung daran angebracht. Ich stieg aus und rief „Hello?“, niemand antwortete, die Barn-Tür war zu… es wurde mir dann zugleich zu dumm und zu unheimlich und da ich nicht an einem Haken neben Elch und Biber im Ausweidekeller von Familie Ledergesicht enden wollte, stieg ich wieder in den Hyundai und fuhr gen Ottawa davon.

Die Fahrt war entspannt und ereignisarm wie zuvor; kurzer Boxenstop zu Mittag, diesmal auch an einem deutlich größeren Supermarkt, wo ich endlich „Maple Butter“ fand und nun hoffe, daß sie lecker ist. Irgendwann wurde die Gegend dann urbaner, der Verkehr nahm zu und Ottawa kam näher.

Ottawa

Ich erreichte mein Hotel, das übrigens nicht in Ottawa, sondern in Gatineau, direkt an der Brücke rüber nach Ottawa lag, konnte das Auto in der hoteleigenen Tiefgarage parken, in die ich gerade eben so, mit Sicherheit aber 80% der Monsterautos hier nicht hineinpaßten, und bezog mein abermals sehr ordentliches, komfortables Zimmer. Nach kurzem Ankommen und Sortieren zog ich gleich los und schlenderte bei schönstem aber auch schweißtreibendem Kaiserwetter über die Brücke rüber nach Ottawa, der Hauptstadt Kanadas. 

Ottawa von Gatineau aus

Eine nette, vergleichsweise deutlich kleinere Stadt, die auf mich entspannter und noch angenehmer als Toronto wirkte. Hier war übrigens alles komplett zweisprachig, oft stand allerdings schon die französische Beschriftung zuerst. Ich ging zum Byward Market

 


und schlenderte ansonsten ziel- und planlos umher, um die Atmosphäre aufzunehmen. Gegen Abend ging ich zurück über den Fluß und hakte ein „Kanada-To-Do“ ab, in dem ich „Poutine“ im Hotelrestaurant bestellte: das waren Pommes, mit einer Art Bratensauce und kleinen Bröckchen einer Art von Käse, die so wie geronnene Milch aussahen aber nicht so sondern lecker schmeckten. Mein Eindruck: joah, kann man machen, ist schon ok, aber jetzt kein Klopper. Es fehlten noch „Montreal Smoked Meat“ (wollte ich aber am Original-Ort essen) und die angeblich speziellen Quebecer Bagel.

So ein bißchen Bildung und Kultur muß ja auf so einer Reise auch sein. Also ging ich nach einem sehr schmackhaften Frühstück in einer Bagel-Bude namens „Bobino“ ins Canadian Museum of History.


Das Ding ist riesig, beeindruckend und ganz toll gemacht. Sie haben dort die größte Totempfahlsammlung der Welt und beleuchten Kultur und Geschichte der verschiedenen indigenen Völker Kanadas sehr ausführlich und interessant,






haben aber auch einen sehr großen und informativen Trakt über die Geschichte der kanadischen Einwanderer und der Staatsgründung. Das ganze ist in Anbetracht meiner Befürchtungen bei Kanada angenehm unwoke gewesen, keine Demutsunterwerfungen kein, Entschuldigungsgekrieche, einfach nur die ungeschminkte und ungeschönte Darstellung dessen was war und wie es heute ist. Alle kommen zu Wort und Bild und so ist das prima. Ohne mich eine Sekunde zu langweilen blieb ich sicher vier Stunden.

Dann ging es wieder rüber nach Ottawa, einen Biberschwanz essen

und den Parliament Hill, Kanadas Regierungssitz,


und das sehr interessante und beeindruckende 8-Schleusen-System



erkunden. Gegen Abend machte sich Partystimmung in der Stadt bemerkbar. Ich recherchierte kurz und fand heraus, daß an diesem Abend eine Sause nahe beim Museum mit abschließendem Feuerwerk geplant war: Les Grands Feux du Casino Lac-Leamy. Dementsprechend wurde es lebhafter und man merkte, daß auch viele von außerhalb in die Stadt kamen. Nach kurzem Auftitschen im Hotel spazierte ich durch die Partyatmosphäre und Feierfreudigen, um „Boston Pizza“ zu erreichen, wo zu Abend diniert werden sollte und wurde. Später im Hotelzimmer hörte ich dann das Krachen und Bersten von Feuerwerksraketen, sah aus dem Fenster auch ein paar Lichtsterne aufsteigen und zersprühen und eilte darob flugs nach unten auf die Straße, von wo aus ich einem sogar mit dortiger eingeschränkter Sicht spektakulären, von Nahem sicher noch phantastischeren Feuerwerk beiwohnte, das den Tag würdig beschloß


 Nach einer weiteren Runde köstlicher Bagels und dem Auschecken bestieg ich am nächsten Morgen ein letztes Mal den treuen Hyundai und fuhr, zeitweilig durch wirklich heftige Regenstürme mit vielleicht 3 m Sicht die zweistündige Strecke zum Montrealer Flughafen, wo ich ihn problemlos abgeben, den 747er Bus besteigen und darin die Stadt fahren konnte.  

Montreal

Ici, on parle francais! Obwohl das am St.-Lorenzstrom liegende Montreal nur sehr kurz hinter der Grenze von Quebec liegt, wird hier sehr deutlich gemacht, daß man mit diesem Englisch nichts zu schaffen hat. Die Hälfte der Quebecer wünscht ja ohnehin, sich von Kanada zu separieren und ihr eigenes Ding zu machen.  ALLES ist ausschließlich auf Französisch beschriftet

"STOP" würde ja hier niemand verstehen

und man wird immer mit „Bonjour“ begrüßt. Im Gegensatz zu den Original-Franzacken™ sind die Montrealer Kanadier aber viel verträglicher und entgegenkommender, wenn man sie wissen läßt, daß man des Französischen für eine kommoder Konversation in unzureichendem Maße kundig ist und Englisch zu parlieren wünscht. Das können sie nämlich auch meistens leidlich, so daß es keinerlei Probleme beim Herumkommen gab.

Montreal ist ein nicht ganz unmerkwürdiger Ort; eine unintuitive Mischung aus Frankreich und nordamerikanischer Ostküste. Viele Hochhäuser auch hier, dazwischen Kirchen 




 (reichlich, Basiliken gar

 

 und diese hier)

Crêpe-Stände, Bistros, geometrische Strassenblöcke, US-amerikanisch klingende Polizeisirenen, auch hier gigantische Riesenautos, Strassencafés, Chinatown, aber eben auch in Vieux Montreal eher europäischen Häuschen und Straßen. Mitten in der Stadt liegt der namengebende Mont Royal, auf dem man in eine Höhe von 307 m gelangt. Aber auch Tiefe hat Montreal:  der Montrealer grub sich nämlich, um in seinen harschen Wintern nicht oberirdisch und frierend einherstapfen zu müssen, über 30 km Tunnel,



die Unterstadt, die Hotelkeller, Einkaufszentren und Metro-Stationen verbinden und in deren Labyrinth es sich leidlich spazieren und – wie ich – sich lustvoll verlaufen und verlieren läßt. Dort ist auch google maps nutzlos und wenn man irgendwann wieder maulwurfblinzelnd ans Tageslicht steigt und wieder ortbar wird, wundert man sich: ach HIER bin ich?! Selten habe ich auch ein solches Menschenmosaik in einer Stadt wahrgenommen. Ich sah wirklich alle Farben, Formen und Arten menschlicher Erscheinung und Varianten wild durcheinander und jeweils in beträchtlichen und nicht unähnlichen Anteilen, so mein Eindruck.

In der Innenstadt angekommen, checkte ich in meinem 1-Nacht-Hotel ein (ich konnte noch nicht in das kongressbezogene Hotel) und lief gleich los, durch Chinatown (Rue de la Gauchetierre) und die Rue Sainte-Catharine-E. entlang, wo ich Kaffee trank, bummelte, verweilte, Kirchen und andere Dinge besah


und schließlich bei „Dunn’s Famous“ endlich mein Montreal Smoked Meat Sandwich bekam.

Nicht schlecht, aber auch nix berühmtes, wenn man ehrlich ist. Danach kehrte ich mit einsetzendem Getröpfel ins Hotel zurück und ließ alles weitere auf sich beruhen.

Denn am Folgetag hatte ich mir einen weiteren Gewaltmarsch verordnet. Den ersten Teil absolvierte ich mit schwerem Rucksack, den ich nicht im Hotel lassen wollte (im Gegensatz zum Koffer) und begann mit Nôtre-Dame de Montreal, einer berühmten Basilika, die, halb eingerüstet, ich wegen absurder Eintrittspreise und genereller Abneigung, den Betreiberverein an meinen Finanzen teilhaben zu lassen, unbetreten ließ und nur von außen besah (drinnen soll sie so aussehen). Die Basilika liegt in Vieux Montreal, durch welches ich danach ziellos schlenderte

wobei ich auch am „Marché Bonsecours“, einem großen historischen Gebäude, das im Laufe der Geschichte oft seinen Nutzungszweck wechselte und heute eine Art Nobel-Souvenir- und Handarbeitshöker-Laufhaus darzustellen scheint. Anschließend ging ich weiter an die nahe Waterfront, wo sie ein Riesenrad zu stehen haben

und natürlich diverse Fressbuden, Fährenstege und derlei mehr. Gegen Mittag wollte ich einen ortstypischen Bagel schnabulieren, fand aber den entsprechenden Laden nicht an der Stelle, von der Google Maps energisch behauptete, daß er sei. Denn dort war schon ein graffitti- und uringefüllter Hinterhof. Bis ich begriff, daß der Laden nicht oberirdisch sondern in der ominösen Unterstadt zu finden sei. Ich suchte mich eine ganze Weile zum Schänzchen, gab schließlich auf und ging zum alten Hotel, um den Koffer zu holen und ein paar hundert Meter die Straße runter im  Faubourg-Hotel Hotel einzuchecken, wo ich sogleich eine gigantische Mehrzimmerbude mit großer Küche samt Theke aber ohne ein einziges Stück Besteck oder Geschirr, bezog: meine Bleibe für die nächsten Tage.

Am Nachmittag fuhr ich dann mit der Metro zum Fuß des namengebenden Mont Royal, auf den ich hinaufstieg, um runtergucken zu können.




Ich drehte da oben eine Runde, genoß die Aussicht und ging auch noch am Gipfelkreuz vorbei


Als ich mit dem Abstieg begann, bekam ich Hunger und kulinarisches Heimweh by proxy: ich wollte nach all dem kanadischen Zeux der letzten Wochen sehr gerne etwas Peruanisches essen. Google verriet mir, daß gleich in der Straße am Fuße des Berges, der Rue- St.- Denis, sogar zwei Peruaner zu finden seien, jeweils benannt nach limeñischen Viertel, das „Barranco“ und das authentischere „Restaurant Miraflores“, in dem ich einkehrte. Ich aß das „Trio Criollo“ (Lomo saltado, causa mit Meeresfrüchten und arroz chaufa mit Huhn), 

 

Heaven on a plate <3

dazu natürlich Inca Kola, und bin komplett ausgeflippt, so lecker war das (bisher das beste peruanische Essen außerhalb Perus, das ich hatte); ich habe dann soviel mit der Kellnerin geflirtet und das Essen gelobt, daß ich den Nachtisch (Chocoflan (tres leches waren aus)) am Ende „auffe die Ausse“ bekam.

Und mit dieser kulinarischen Orgie war meine private Reise fast beendet. Am nächsten Vormittag irrte ich noch eine Weile durch die Tunnel der Unterstadt und suchte vergeblich die Bagelbude (fand schließlich eine andere und kam noch zu meinen Bageln) kehrte dann aber zum Mittag ins Hotel zurück, wo ich mich zum Ernst des Lebens, Arbeit und Erwachsenenkram zwang. Am Abend sollte der Kongress beginnen und was mir dort wiederfuhr muß an anderer Stelle erzählt werden.

Kanada aber hat mir ausgesprochen gut gefallen. Ein riesiges Land mit ganz interessanter Geschichte, wenigen aber freundlichen und entspannten Menschen, angenehmen Städten und famoser Natur. Ich finde es nicht gerechtfertigt, daß Kanada scheinbar so sehr hinter den USA zurücksteht bzw. so viel weniger wahrgenommen wird. Auch von der befürchteten berüchtigten Wokeness dort habe ich zum Glück bis auf viele der gräßlichen Wimpel nur wenig gesehen und gespürt,  aber ich habe mich auch wenig an den Unis herumgetrieben oder mit Studenten und dergleichen gesprochen. Es ist für einen Europäer dort auch viel leichter, sich wohlzufühlen und müßte ich in eines dieser Länder auswandern, müßte ich nicht lange überlegen, wohin.

Also ja, Kanada ist toll. Zum Wiederkommen und Mehrbereisen. Und das nehme ich mir fest vor!