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Dienstag, 1. Mai 2018

Wien. Endlich wieder.

7 Jahre ist es her, 2011 war es, daß ich das letzte Mal in meiner Lieblingsstadt, dieser morbiden, grandiosen, überreichen alten Schönen, dieser randvollen, prachtvollsten aller Städte weilte. Unverzeihlich eigentlich und um mein ungebührlich langes Fortbleiben wenigstens ein bißerl wieder gut zu machen, habe ich einen Freund dazugebeten, um auch ihn süchtig hiernach zu machen, um bei diesem, meinem fünften Besuch, auch durch seine neu entflammte Begeisterung die Schar der Verehrer dieser Stadt noch zu mehren. An der Schwelle zum Wonnemonat entflogen wir dem meteorologisch hartleibig rückständigen, noch immer halbgefrorenen Norden und segelten in die sonnenwarmen Arme der Schönheit an der Donau, die ich nie anders als voller Sonne und Wärme erlebt. Es war, als wäre ich nie weg gewesen.
Doch bevor ich unsere Stationen schildere und bebildere, will ich versuchen, zu beschreiben - damit es überhaupt einmal niedergeschrieben ist - was mich an dieser Stadt so begeistert. Das Offensichtliche ist freilich zuerst zu nennen: Wien ist wunderschön, sein Zentrum, der 1. Bezirk, ist so übervoll epischer Pracht, in seinen Monumentalbauten so voller Majestät und selbstbewußtem Protz, und verströmt noch immer so sehr den Atem der Klassik, der Zeiten Mozarts und Beethovens, daß einem schwindelig und ungläubig zumute wird, wenn man das zum ersten Mal sieht und genauso ging es auch meinem Begleiter. Man kommt aus dem Staunen nicht heraus, die Sinne fließen einem über und den Kopf tief im Nacken fixiert, damit einem kein Erker, kein Fresko, keine goldene Fassade, kein prächtiges von Stauten und kämpfenden Engeln bewohntes Dach entgeht, schlängelt man sich seinen Weg durch die immer anwesenden Heerscharen von Wienbewunderern aus wirklich aller Herren Ländern. Alles ist großzügig, man kann fast überall kostenfrei schauen, eintreten, riechen, lauschen, laufen, sogar kühles Wasser wird einem geschenkt.
Dennoch wirkt diese Stadt mit ihren tierrechtsbedenklichen Fiakern, den Kaffeehäusern, wo sich die Schriftsteller und Maler vergangener Epochen trafen und eben keinen Kaffee sondern Melanges und Verlängerte tranken, den zahllosen Kirchen und sich immer noch stolz als "k.u.k." bezeichnenden Betrieben, den weitläufigen, penibel gepflegten Gärten und Parks nicht muffig und stehengeblieben, sondern es gelingt ihr das unerhörte Kunststück, in einem guten Sinne traditionell und traditionssbewußt zu wirken.
Wenn man dann diese zugegeben sehr reiche und weite Oberfläche durchtaucht, erkennt man erst den echten Charme, dieses Gefühl, sich zugleich in New York, Paris und an der Cóte d'Azur zu befinden, das aber durch den allgegenwärtigen wunderschönen Dialekt und den unvergleichlichen Wiener Schmäh entschieden in die Wahrnehmung kanalisiert wird, daß man hier nirgends anders als in Wien ist. Und wenn man dann in einer der Kirchen durch die Scheibe eines Glassargs das echte Skelett eines lange toten Würdenträgers sieht, sich eine Führung durch die Wiener Unterwelt mit ihren Verliesen und Mumien angedeihen läßt, das Bestattungsmuseum, Schuberts Sterbekammer oder gar den König der Friedhöfe, den "Zenträu", besucht, dann versteht man, wie wunderbar morbid diese Stadt und wie besonders ihr Verhältnis zum Tod ist. Nur dort kennt und verehrt man die "schöne Leich", nur dort gibt es einen Friedhof, der so groß wie ein ganzes Stadtviertel ist und auf dem man auch zur Hochsaison noch vollkommen allein unter Hunderttausenden Toten, davon zwei Beethoven und Brahms sind, sein kann.
Und dann das Essen... kein Wienbesuch, den ich nicht schwersten Leibes und höchsten Mutes beschloß. Ich liebe die Wiener Küche, die Schnitzel, die Mehlspeisen, die Torten, Buchteln und Kuchen, all die Spezereien, derer man allerorten und -enden habhaft werden kann und von denen, sollte wirklich der Wunsch aufkommen, man sich auf dem an 365 Tagen stattfindenden, kilometerlangen Naschmarkt, wo Speisen, Obst, Gewürze und Gemüse aus der ganzen Welt feilgeboten werden, Abwechslung verschaffen kann.
Und wo sonst findet man quasi mitten in der Innenstadt einen kostenlos zugänglichen Vergnüguungspark, mit Fahrgeschäften, Attraktionen und Belustigungen sonder Normen, falls einem in dieser ungaublichen Stadt tatsächlich die Verlustierungsgelegenheiten fad werden sollten? Natürlich ist Wien auch zeitgemäß, der ÖPNV ist tadel- und lückenlos, der Flughafen nah, die Infrastruktur gut, überall gibt es W-Lan und was der moderne Mensch sonst zu brauchen meint. Ich komme aus dem Schwärmen ja gar nicht heraus und finde doch, daß ich meiner Begeisterung hier nur unzureichend gerecht werden kann. Doch wie tut der Wiener, dieser einzigartige Menschenschlag? Ausgerechnet die Wiener, diese glücklichsten aller Städter, denen alle anderen Orte gegen ihre Heimat wie laue, dumme Dörfer, häßliche, seelenlose Chromungetüme, jämmerliches, aus Ruinen hingeschafftes Flickwerk, graue, tote, beflissen-funktionale Unorte vorkommen müssen? Ausgerechnet sie sind für ihr Raunzen bekannt, als hätten sie auch nur einen einzigen Grund zur Klage!

In diese Wunderstadt also reisten ein Freund und ich, da ich sie ihm zeigen und endlich wiedersehen wollte. Wir kamen in der Unteren Viaduktgasse zu wohnen, wo es ruhig und zugleich nahe der Innenstadt war, AirBnB sei Lob und Preis. Wir warfen nur rasch das Gelumpe in den Bau, besorgten im Spar nebenan (ja, hier gibt es sie noch) das für die (eher junggesellenhaft orientierte) Selbstversorgung Notwendige und eilten dann in prachtvollster Abendsonne und -wärme zu Füßen des Steffl,



wo man am besten damit beginnt,  das Wunder sich entfalten zu lassen.  "Ich hab's Dir ja gesagt"-sagend bugsierte ich den offenmundigen, kopfschüttelnden und rasch sein Fassungsvermögen erschöpft habenden Freund durch die Straßen des ersten Bezirks mit seinen Unumgänglichkeiten. Es ging durch den Graben, vorbei an der Pestsäule,



schnell in die Petruskirche (und noch schneller wieder raus, nachdem uns ein so ein Opus-Dei-Pfaffe, der sich mangels Beichtkundschaft gemopst und uns angesprochen und nachdem wir uns als ungläubige Wissenschaftler zu erkennen gegeben hatten, uns eine private Führung durch die Krypta (vermutl. ohne Wiederkehr) hatte andienen wollen), dann links zum Michaelerplatz, auf dessen Kirchenvordach für alle Zeiten Luzifer von Michael besiegt wird


und in wessen Kirche anläßlich des Todes vom Wolferl sein Requiem (in der unvollendeten Fassung) aufgeführt wurde! *schauder*



Wir sahen die Hofburg,


liefen bis zum Museumsbereich und kehrten, als der Hunger sich bemerkbar machte, noch in "Heindl's Palatschinkenkuchl" ein - was man immer tun muß, wenn man in Wien ist - und füllten uns die Bäuche mit den guten Eierkuchen, herzhaften und süßen.

Tags drauf schlenderten wir zuerst durch den Stadtpark am Gürtel und stellten fest, wie gut der Wiener Park kann. Kein Vergleich zu den zugeschissenen, ungepflegten, bank- wasser- und flairlosen "Grünanlagen" Deutschlands. Und wenn ein Park so aussieht, dann gehen da auch gerne Menschen hin und halten sich auf, wer hätt's gedacht.


Weiter ging's den Gürtel entlang, die Oper sehen, wo gottverdammtnochmal einst "Don Giovanni" uraufgeführt wurde (und wo ich selbst schon "Lucia di Lammermoor" sah)



und dann gemächlich die prätentiöse Kärntnerstraße 'runter (Hinweis an Kiel: in eine beliebte Einkaufsstraße gehört kein Autoverkehr! #innenstadtplaung #einmalmitpofisarbeiten) und noch ein paar Schlängel im ersten Bezirk, so daß wir überpünktlich um halb 1 beim Figglmüller in der Wollzeile ankamen, wo uns endlich wieder das von mir heiß ersehnte und unvermeidliche kredenzt wurde:




Na, und was tut man mit 1,5 qm Schnitzel im Leib? Man tut natürlich wie seit über 80 Jahren der Wiener tut, nimmt eine Melange und einen Verlängerten im Hawelka und liest dazu die aktuellen Zeitungen. Alles andere wäre unziemliche Barbarei:




Und schon war es auch Zeit für's tägliche Gratisorgelkonzert in der ein ganz kleines bißchen als "drübber" zu bezeichnenden Petruskirche,



das es dort seit Jahren zuverlässig gibt. Gespielt wurde zuerst eine feine, klangvolle Sonate von Mendelssohn und über den nachfolgenden, modernen Rest decke ich gütig trotz immer noch schmerzender Ohren den Mantel der Nichterwähnung.
Und als wäre man in diesem Betbums nicht schon mit Prunk & Protz & Kitsch & Blingbling überladen worden, gönnten wir uns noch die Jesuitenkirche mit ihren Spiralsäulen aus rotem Marmor und noch mehr Protz und Brimborium:



Nur die orthodoxe Betbude am Fleischmarkt, die ich als auch besonders stimmungsvoll (v.a. mit schöner Musik drin) in Erinnerung habe, blieb uns verwehrt, die hatte dauernd zu.
Als nächstes fuhren wir mit der Tram zum Zentralfriedhof, jenem gigantischen Totenacker, jenem großen Memento der Endlichkeit, jenem nicht allein räumlichen Zugeständnis an den Tod, wo vieler Großer und unzählige Kleiner und längst Vergessener Gebeine bis auf Weiteres verstaut wurden und werden und ohne den gesehen zu haben man Wien nicht gesehen hat. Natürlich besuchten wir Beethoven, Brahms


und Schubert und die vergleichsweise riesige Friedhofskirche, wichen aber recht bald auf den wesentlich stimmungsvolleren und menschenleeren alten jüdischen Teil des Friedhofs aus, der in seiner oftmals überwucherten Sichselbstüberlassenheit wie verwunschen und unheimlich stimmungsvoll wirkte und wo wir ganz allein, schweigend und sinnierend unter all den Erloschenen gingen.

"Wer im Gedächtnis seiner Lieben lebt, ist ja nicht todt, er ist nur fern. Todt ist nur, wer vergessen wird."


Den Abschluß des Tages gestalteten wir mit einem Besuch auf dem Prater,


wo allerdings das einzige, was Karussell fuhr, mein GI-Trakt war, nachdem ich ein "Langos" verzehrt hatte, das auch als Fettmasttaler und Speckspackscheibe, als in aus Gründerzeiten des Praters stammendem Öl frittierte Feistoblate gewordenes Fleisch des schmerbäuchigen Gottes Schmalzus Grassus durchgegangen wäre, Heiland Sack, war das widerlich!


noch triumphiert er. Nachher mußte Rennie es richten.

Am folgenden Tag stand Schönbrunn auf dessen Ordnung, man erinnert sich: dieses kleine, leicht zu übersehende  Büdchen,



das sich ein gewisses Frl. Maria Theresia kurz vor Bachs Tod relativ mitten in Wien hat hinstellen (= umbauen/instandsetzen) lassen. Genau, das mit dem Gärtchen mit den ulkigen kleinen Zimmerbrunnen.

hark das mal!


Es war jetzt sicher das dritte Mal, daß ich da war und es beeindruckt mich jedes mal wieder. Und jedes Mal bedauere ich den Gärtner, der das in Schuß halten muß und freue ich mich, daß es heute keinen Adel mehr gibt, der mir und anderen "Gemeinen" verbieten könnte, dieses durch unlauter erlangte Mittel finanzierte Prachtstück zu betrachten und drin herumzulaufen. Nach reichlichem Besichtigen und -staunen fuhren wir zurück ins Zentrum, wo sich mein Begleiter auf dem Naschmarkt Wanst und Taschen mit allerlei Spezereien und sonstigen Trouvaillen füllte und auch ich nicht umhin konnte, einen Beutel Trockenmelone zu erstehen.
Die Kosmopolitesse (?) Wien zeigt sich m. wesentlichen E. auch darin, daß sich hier, gleich am Ring eine Filiale der US-amerikanischen und dort dem Vernehmen nach recht wohlgelittenen Happa-Haus-Kette "Thank God, it's Friday" findet, wo wir hernach einkehrten und nicht nur ganz ordentliches Essen, sondern auch die Ironie genossen, die darin lag, daß nicht nur keineswegs Freitag war, sondern wir, auch wenn Freitag gewesen wäre, einen Dank für ebendiese hypothetische Tatsache ganz sicher nicht jener höchst unplausiblen Phantasieentität fragwürdigster Reputation auszusprechen uns veranlaßt gesehen hätten.

Zur Verdauung entschlossen wir uns zu einem kleinen Gang zum und durch das ja in Wien nicht eben zurückhhaltend entworfene Rathaus,



und setzen der inzwischen sich bemerkbar machenden Nachmittagsbräsigkeit zwei Verlängerte im Café Griensteidl entgegen, das offenbar und leider inzwischen den Besitzer und den Namen zu "Café Klimt" gewechselt hat. Sehr zum Nachteil, denn aus der altehrwürdigen Inneneinrichtung, die ich noch kannte und dem Personal in Gestalt von würdigen "Herren Ober", war eine mit Klimt-Gekrickel verschandelte Bude geworden, wo sie einen T-Shirt-tragenden Stiesel ohne Haltung als Kellner herummurksen ließen. A Schand! Von dort aus verschafften wir dem Begehr des Begleiters, Andenken zu erwerben, Geltung und verfügten uns zur Mariahilfer-Straße, wo man allerdings nicht fündig ward und schließlich doch noch in der Souvenirbude am Steffel etwas abgriff.

Bei einem stattlich Eisbecher bzw. heißer Schokolade mit Schlagobers am Schwedenplatz, wo wir zuvor von so einem Schicki-Micki-Schiff, auf dem wir eigentlich gedachten, rehydrierend tätig zu werden, wieder runtergestiegen waren, weil wir wohl nicht chique genug für die alldorten ihre Proseccos, Aperol Witz und sonstige Yuppi-Brausen saufenden Pißnelken waren, gönnten wir den in den letzten Tagen arg strapazierten Gehwerkzeugen eine Rast und verständigten uns wieder und wieder darüber, daß dies eine urleiwande (was urleiwanderweise das wienerische Wort für "endlaser" ist) Kurzfahrt war.

Ich werde immer wieder hierherkommen und ich glaube, auch mein Begleiter ist nun infiziert.
Schee war's.

Sonntag, 16. Februar 2014

Innsbruck


Werte Echtzeit-LeserInnen: Dieser Beitrag wird täglich aktualisiert, solange ich noch in Innsbruck bin.

Da hat es mich doch, nachdem ich nun schon ungezählte Male mit H. Isaac zusammen sein Verlassenmüssen musikalisch nachempfunden und mich sogar zu dieses Blogs Namen von jenen sehnsuchtsvollen Klängen inspirieren lassen habe, endlich und tatsächlich nach Innsbruck verschlagen. Eigentlich anläßlich einer Dienstreise doch vor Antritt des Dienstgeschäftes gönnte ich mir noch einige Tage Urlaub.

Tag 1

Na toll! Da klappt ausnahmsweise mal alles in puncto Hinreise (bis auf eine kleine Verspätung beim Abflug - man hatte noch neue Reifen auf's Flugzeug zu ziehen, hieß es. S'besser, meine ich. Angesichts der regnerischen Verhältnisse sind die üblichen Slicks vielleicht suboptimal) und ich komme ungehindert im triefenden, schneefreien und seinen ihm nachgerühmten Charme derzeit wirkungsvoll verhehlenden Innsbruck an, da verwechsele ich auch gleich die Hotels. Ich fuhr mit dem Bus in die Innenstadt, wo ich im Hotel schräg gegenüber dem goldenen Dach erfuhr, daß dieses keinesfalls die richtige Filiale der unter gemeinsamem Markennamen firmierenden Hotels sei, sondern daß die meine sich -natürlich - direkt neben dem Flughafen, von dem ich just gekommen war, befinde. Also wieder in den Bus und zurück. Wir ham's ja!
Und in der Tat: von meinem Zimmer aus kann ich den Tower sehen und somit nur hoffen, daß hier Nachtflugverbot herrscht. Das Zimmer ist passabel, immerhin ****, WLan inklusive, die Aussicht auf Flughafen und Umfeld, wird in ihrer Tristesse durch die umfriedenden Ausläufer der Tiroler Alpen abgemildert. Nach Abwurf des Mitgeführten ließ ich mich vom eigens herbeigerufenen Skiverleih-Knilch wieder in die Innenstadt kutschieren, wo ich mir Ski und Stiefel aussuchte und diese anschließend schon einmal ins Hotel schaffen ließ, alldieweil ich selbst noch ein wenig Innsbrucks Straßen anzusehen beabsichtigte. Wie sich herausstellte, gewann ihre Strahlkraft nicht durch das vorherrschende Fascho-Wetter

selbst Tirol kann trist
Und auch die Triumphalität der Triumphpforte ließ erheblich Federn



Dennoch wandelte ich beschirmt aber nicht beschwingt ein Weilchen vor mich hin und sah die ein oder andere Säule


und irgendwie mochte ich die düstere Stimmung auf der Maria-Theresien-Straße, mit den dräuenden Bergen in der jenseitigen Finsternis und ein paar gelben Lichtäuglein, die davor leuchten.


Naja und in Innsbruck darf auch das "Dachl" nicht fehlen, das bei Dunkelheit und Regen nicht mit seiner Güldenheit zu prahlen vermag.


Man muß das Adjektiv einfach glauben und sich, wie ich mir, vornehmen, es ein andermal zu besuchen.
Auf dem Weg zu / Suche nach einer gastlichen Abendbrottstätte sah ich noch das hier



und Mitleid mit der zivilisatorischen Unvollkommenheit des Nachbarlands, in dem es immer noch kein echtes Rauchverbot gibt, überkam mich. Wo ich schließlich zu speisen mich niederließ, konnte man friedvoll verharren, denn gute Menschen rauchen, dem Aphorismus widersprechend, nicht Zigarren.
Gesättigt stieg ich endlich ein drittes Mal in den Bus, mit dem ich zum Hotel zurückkehrte, wo ich zum Abschluss des Tages noch Sauna und Wellnessbereich in Augenschein nehmen wollte. Dazu aber morgen mehr.


Tag 2

Ich erhob mich zur gänzlich unurlaubigen Zeit von 7 Uhr, denn um 8.30 Uhr, so war's versprochen, sollte mich bereits der kostenlose Skibus aufsammeln und auf den Axamer Lizum hinaufschaffen. Vorher gab es aber ein recht ordentliches Frühstück, von dessen Buffet ich einige Früchte als Pistenverpflegung mitgehen ließ. Um 8.25 Uhr stand ich fertig gerüstet bei nach wie vor grauem Regenwetter vor dem Hotel und der Bus war sogar schon da. Der Dialog mit dem redseligen Fahrer (bis zur ersten Zwischenstation, wo ich den Bus wechseln mußte) geriet durch seinen schweren Tiroler Dialekt bei gleichzeitigem vollständigen Fehlen von Vorderzähnen zu einem lustigen Ratespiel und ich bin nicht sicher, daß ich auf seine Erläuterungen und Fragen immer mit einer sinnvollen Antwort reagiert habe. Sei's drum. Dafür wurde ich bei einem Blick durchs Fenster mit der folgenden Trouvaille belohnt



und ich fragte mich, ob hier eine dem Waffengattungsdünkel beleidigter Florettisten entsprungene Schmähung oder aber eine in Richtung der ehemaligen Besatzungsmacht gewandte pazifistische Parole der freundlich-gelben Wand überantwortet wurde.
Das Wetter schien indes zunächst nicht dazu angetan, großes Skivergnügen in Aussicht zu stellen, doch auf dem Lizum angekommen schien tatsächlich die Sonne.


 


Nach dem Erwerb einer Liftkarte schnallte ich mir nach bestimmt 10 Jahren Abstinenz endlich wieder die Bretter an, die die Welt Schneevergnügen bedeuten und ließ mich erhaben von einem Ankerlift auf den Idiotenhügel schleppen.

Hügel voller Idioten und ich
Was soll ich sagen? Es war, als wäre ich nie weg gewesen und auch der neue Ski-Typus ("Carving") machte mir keine Probleme. Ich fuhr ein paar Kurven, bremste, rutschte seitwärts - alles ging prima. Nach der zweiten Runde Idiotenhügel fühlte ich mich ausreichend wieder in Form, um der ehemaligen olympischen Damenabfahrt zu Leibe zu rücken. Ich packte also mein Gelumpe und stieg in die Olympiabahn, auf der eine gewaltige, schräge Kabine auf Schienen auf den Gipfel fährt.



Und hier der Beweis: ich war da.



Und da lag sie vor mir, die Abfahrt.



Auch das ging gut, die letzten paar hundert Meter hielt ich mich nicht mehr mit läppischem Kurvenfahren auf sondern versuchte, einen neuen Geschwindigkeitsrekord aufzustellen. Leider war die entspr. Messanlage außer Betrieb (oder, sie ist durch mein Tempo überlastet worden und explodiert - man weiß es nicht). In bester Stimmung fuhr ich gleich nocheinmal hoch, machte aber diesmal auf Viertelstrecke am Dohlennest halt für ein zweites Frühstück der Champions



Auf dem letzten Teil der Abfahrt begann es dann aber, zuzuziehen



und ich beschloss, eine schwierigere Piste in Angriff zu nehmen. Ich weiß, diese beiden Aussagen bilden auf den ersten Blick keine besonders sinnvolle Kombination aber nun. Ich stieg also auf die Schönbodenbahn, eine Gondelbahn, und fuhr empor. Oben ließen die Sichtverhältnisse "etwas" zu wünschen übrig



und ich fuhr relativ blind in die graue Suppe. Ich versuchte, der Pisto zu folgen, stand aber nach 2 Minuten irgendwo im Tiefschnee und sah keine Markierungen mehr. Ich dachte: runter kommen sie alle und tuckerte gemächlich vor mich hin, bis ich irgendwann tatsächlich wieder auf eine Piste stieß. Diese war etwas giftig und die vereisten Stellen und die nicht vorhandene Sicht ließen meine Abfahrt etwas "robust" werden und ganz sicher nicht glamourös aussehen. Dennoch kam ich nach einer Weile wieder unten an und fand, daß es damit für diesen Tag sein Bewenden haben sollte. Mit dem Bus ging es also wieder direkt vor's Hotel, von wo es nach einem kurzen Duschbad in der grandiosen Regendusche wieder nach Innsbruck ging, da das Wetter inzwischen besser war.

Nach kurzen Verschnaufungen und Waschungen zog es mich erneut nach Innsbruck, um der Stadt auch einmal bei Tageslicht und ohne Regen ansichtig zu werden. Und siehe da, das Dachl ist tatsächlich golden


Es gelang mir nun auch besser, die Stimmung und das Flair Innsbrucks aufzunehmen und ich hatte zugleich neidvoll anzuerkennen, daß diese Stadt nicht gerade ungünstig zu liegen kommt

Berge in jeder Himmelsrichtung

Es gefällt mir hier. Es ist schon typisch österreichisch, alles ein bißchen umständlich und altmodisch-förmlich, „Hobe d’Ehre, Herr Dockta!“, aber dabei auch eben tirolerisch-alpenländisch. Es gibt hier viele gemütliche Eckchen mit bergdörflichem Charme aber auch ausreichend Erinnerungen, daß Innsbruck eine Großstadt z.B. mit vorzüglichem ÖPNV, eigenem Flughafen und großem Tourismus ist. Die Wege sind kurz, die Innenstadt ist vielerorten schön und gut erhalten mit ihren Bauten aus der Zeit Maximilians I. Es ist, wie eine kleine Prise Wiens :-)
Da es am Berg ja nur ein paar Früchte und einen Schokoriegel gegeben hatte und Sport an der frischen Luft bekanntlich hungrig macht, erstand ich in einer Pizzabude ein oberamtliches Stück Mafiatorte


und flanierte pizzamampfend durch Innsbrucks alte Gassen, wo ich allerhand Merkwürdigkeiten begegnete

ohne Worte
heißt das, daß Frauen keine Köpfe haben? Oder daß da Köpfe ohne Körper behandelt werden?

Church of Doom

aber auch der ein oder anderen Weisheit
s'rischtisch
Als das Tageslicht langsam zur Neige zu gehen sich anschickte, kehrte ich noch einmal auf die Maria-Theresien-Strasse zurück, um erneut den Blick aus der Stadt auf die Berge zu genießen:

passsender Soundtrack: http://www.youtube.com/watch?v=15vDOBmQzS8


einsame Wacht
Der Anblick der Gipfel und Hänge, dies Umfriedetsein von schneebedeckten steinernen Wächtern hier berührt mich und bewegt etwas in mir und ich fragte mich wieder einmal, wie man nur in einer Großstadt im Flachland leben kann.
Zurück im Hotel probierte ich noch die kleine aber feine Saunalandschaft, schwitze mit Blick auf die Alpen, goss kaltes Wasser aus einem Überkopfeimer auf dem dampfenden Torso und ließ schließlich auf der Ruheliege den Herrgott einen guten, weil ausgedachten Mann sein.



Tag 3

Die durch die ungewohnte Belastung des Vortags etwas in Mitleidenschaft gezogenen unteren Extremitäten, sowie eine gewisse Unlust, wieder um 7 Uhr aufzustehen, ließen eine Skipause derart sinnvoll erscheinen, daß ich mich fröhlich dazu entschloß und so den Tag zu deutlich zivileren Zeiten mit einem ausgedehnten Frühstück bei sonnenüberflutetem Alpenpanorama und guter Lektüre begann.



Bester Laune machte ich mich am Vormittag dann auf den Weg nach Innsbruck. Zu Fuß. Ich lief die gesamte Busstrecke, machte hier und dort halt, um zu schauen und zu bummeln und mich gelegentlich an den Seltsamkeiten am Wegesrad zu erfreuen.

Jawohl! Pizza Mann! Auf Deutsch.


findet das außer mir noch jemand lustig

ja. netter Versuch. Kommt mal nach Köln und schaut Euch an, wie das richtig geht.

hat man je etwas trostloseres gesehen?

In der Innenstadt angekommen suchte ich einige Orte von Interesse auf, darunter das „Institut für Gerichtliche Medizin“ (wie es in Ösiland heißt), welches – pun intended – wie ausgestorben wirkte (es war niemand da), das Kongreßzentrum, wo ab Donnerstag das Vorprogramm des 34. Spurenworkshops stattfinden wird

gibt schlechtere Kongressorte, oder?

und mein nächstes Hotel, das „Altpradl“ in der Nähe des Bahnhofs. Unterwegs kam ich am Gasthof „Weißes Kreuz“ vorbei, wo Mozart höchstselbst im Dezember 1769 logierte. Keine Frage, dort mußte eingekehrt werden und in einem dunkelbraunhölzernen, sehr gemütlichen Kaffeehaussaal, wo – natürlich - Mozart gespielt wurde, ließ ich mir eine Melange servieren.


Ich fand es nur konsequent, daß man zwar „free WiFi“ an die Scheibe geklebt hatte, aber auf meine Frage, wie denn das Netz zu finden sei, nur entgegnete, daß man das nicht wisse und dös "Kasterl" vermutlich ohnehin aus oder "hin" sei.

Nach einer Mittagspizza, während deren Einfuhr ich in meinen diversen Prospekten auf die Möglichkeit gestoßen war, fuhr ich mit einem Bus zur Hungerburg, hoch über der Stadt. Auf dem Weg zum Bus ging ich übrigens über die Inn-Brücke (Inn’s Bruck, Sie verstehen?)


Auf der Hungerburg angekommen, wurde ich mit einem Panorama belohnt.

das Wort, das Sie suchen, ist: "Hach!"

Ich hätte von dort aus auch mit einer Seilbahn noch viel höher, bis auf 2200 m hinauffahren können, aber der Beförderungspreis war entweder ein Druckfehler oder so unverschämt hoch, daß ich dafür ein mongolisches Kind hätte adoptieren, einführen, aufziehen und zum Sherpa ausbilden können, das mich dann auf seinem Puckel da hochschleppen würde. So beschied ich mich und war’s für den Tag zufrieden.
Zurück im Hotel ruhte ich kurz aus, dann wurde gesportelt, sauniert, geruht und der Abend mit köstlicher Holzofenpizza von gegenüber veredelt, abgerundet und beschlossen.



Tag 4

Tolles Timing. Nicht. Gestern wäre wettermäßig der bessere Skitag gewesen, denn heute begann mein letzter Urlaubstag mit dem gleichen grau-tristen Wetter. Hoffend, daß es in der Höhe, wie schon Montag, besser sein würde, ging ich pünktlich frühstücken und wurde dann um 8.40 Uhr von einem Taxi abgeholt (man wollte für ein Männeken keinen ganzen Bus schicken). Der Fahrer, ein Orientale, war auf jeden Fall tiefenentspannt. Er war ca. 10 Minuten zu spät, so daß es knapp werden würde, den Bus am Umsteigeplatz noch zu erwischen. Das schien ihn aber nicht zu sonderlicher Eile anzutreiben. Er schnallte sich auch nicht an und ignorierte minutenlang (!) das nervende Warnpiepsen, bis ich entnervt fragte, ob er denn nicht vom Piepsen genervt sei. „Doche, doche, sicher.“ sprach’s und schnallte sich dann mit lasziver Langsamkeit an.
Gerade noch rechtzeitig erreichten wir den Busparkplatz und ich ging erneut an Bord Richtung Axamer Lizum. Dort angekommen stellte ich enttäuscht fest, daß es auch dort grau und noch dazu verdammt neblig war. Egal. Ich war da, ich würde skifahren und wenn es das letzte sein sollte, was ich tat. Karte gekauft und ab in die Olympiabahn.
In der Kabine stand im Abteil unter mir ein kleines, englischsprachiges Mädchen, das folgendermaßen beschriftet war


und ich nehme an, der ein oder andere Pfaffe hätte bei diesem Anblick feuchte Augen bekommen. Nun ja.
Oben angekommen stellte ich fest: ups. Hier ist es ja noch VIEL schlimmer als unten. Ich begann mit der Abfahrt und zum Teil konnte man echt keine 10 m weit sehen


 Überall fuhren die Leute im Schneckentempo, diverse Skischulen glitten als langsame Kolonnen in weiten Schwüngen die Piste hinab, tauchten kurz aus dem Nebel auf und verschmolzen dann gleich wieder damit. Es war unwirklich und fast ein wenig malerisch. Dennoch war auch ich vorsichtig und ein paar Mal verlor ich fast die Piste aus den Augen, weil selbst die Begrenzungspfähle nur aus nächster Nähe zu erkennen waren. Irgendwann konnte ich dann die Liftanlagen der Basisstation unter mir erkennen und genehmigte mir wenigstens eine kleine Schußfahrt, jetzt da ich sah, wohin ich fuhr.
Aber von unbeschwertem Skispaß konnte bei diesen Verhältnissen keine Rede sein. Mißmutig verzichtete ich auf eine weitere Olympiabahnfahrt und fuhr dafür etliche Male mit dem Schlepplift auf den Idiotenhügel, was ca. 3 Minuten dauert. Für die wütenden Abfahrten brauchte ich dann vielleicht jeweils 10 Sekunden und bremste nur einmal vor dem Lift. Irgendwie mußte ich ja wenigstens ein bißchen Temporausch erleben. Nee. Das war nix. Um 13.30 Uhr hatte ich genug und nahm den Bus zurück nach Innsbruck.
Und das war es eigentlich auch an berichtenswertem. Zurück zum Hotel, umziehen, noch 'ne Runde spazieren, Dampfsauna, chillen, Monsterburger... das übliche, das übliche.
Und während ich in diesem Moment "Evolution" im TV (mit D. Duchovny als Biologe) schaue, beschließe ich offiziell meinen Urlaub in Innsbruck, denn ab morgen ist wieder Arbeit angesagt. Schön war's und pfiat enk!